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Würzburger Lügensteine – Wissenschaftsbetrug in der Paläontologie



Dass nicht jeder Edelstein – vor allem, wenn dieser zu einem vergleichsweise geringen Preis angeboten wird – echt ist und stattdessen auf Imitationen aus Strass oder Zirkonia sowie Synthesen zurückgegriffen wird, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Dass aber auch Fossilien gefälscht werden, ist recht unbekannt. Ein Arzt, der im frühen 18. Jahrhundert auch als Dozent an der Universität Würzburg lehrte, flog einem hinterhältigen Schwindel seiner Studenten auf. Sie schummelten dem Professor gefälschte Fossilien unter, die als Würzburger Lügensteine Geschichte machten.



Die Geschichte der Würzburger Lügensteine

Johann Bartholomäus Adam Beringer (1667 bis 1730) war neben seiner Tätigkeit als Mediziner auch als Lehrkraft an der Würzburger Universität tätig. Die Gelehrten der Vergangenheit waren nicht selten auf mehreren Fachgebieten versiert, sodass sie als Universalgelehrte sowohl über Kenntnisse im Bereich Medizin verfügten, gleichzeitig aber auch Chemie, Physik, Biologie und Mineralogie ihr Repertoire an Wissen umfasste.


Würzburger Lügensteine
Quelle: Beringer, J. B. A. (1726): Lithographiae Wirceburgensis

Trotz seines umfangreichen Wissens war Beringer nicht vor einem großen Fall der Wissenschaftsfälschung geschützt.
Am 31. Mai 1725 erhielt Beringer von seinen Studenten sonderbare Fossilien. Beringers Interesse war geweckt, weshalb er sich mit seinen Studenten zu einem Weinberg bei Eibelstadt begab, um dort noch weiteren Fossilien zu suchen.
Tatsächlich war Beringer erfolgreich, sodass seine Sammlung insgesamt 2000 Exemplare zählte, die er innerhalb eines halben Jahres gefunden hatte.
Neben Pflanzen waren es vor allem grob plastisch gehaltene Tiere und Abdrücke, die in dieser Form nicht versteinern konnten, wie beispielsweise Darstellungen aus dem Sonnensystem, fliegende Sternschnuppen oder Spinnennetze, aber auch Petroglyphen ergänzten die skurrile Fossiliensammlung Beringers.

Dass Beringer dem Streich zum Opfer fiel, wird mit dem Wissensstand der damaligen Zeit begründet. Die Entstehung von Fossilien und deren Erforschung steckte zu Beginn des 18. Jahrhunderts noch in den Kinderschuhen, oder mit den Worten des Paläontologen Othniel Charles Marsh (1831 bis 1899): die „Geschichte des Werkes ist lehrreich, besonders als ein Anzeichen des Zustandes der Kenntnisse jener Zeit“.
Die Vorstellung, dass die Welt von Gott erschaffen wurde, dominierte und die Loslösung vom Kreationismus hin zum wissenschaftlich-orientierten, beweis- und nachvollziehbaren Weg der Fossilisation kam gerade erst auf.

Beringer spricht seinerzeit auch nicht von Fossilien, sondern Figurensteinen – Lapis figurati. Ein Begriff, der mit Theorie der vis plastica steht, wonach einstige Lebewesen oder Pflanzen durch eine unbekannte Größe nach dem Ableben zu Stein geworden sind. Zudem war die Bezeichnung Fossil bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts ein Sammelbegriff für alles, was aus dem Boden ausgegraben wurde – angelehnt an die Wortherkunft Fossil. Fossilare wird aus dem Lateinischen mit ausgraben übersetzt, weshalb sowohl Wurzeln, Pflanzenteile, Mineralien und Fossilien im Sinne von Versteinerungen mit dem Oberbegriff Fossil versehen wurden.

Doch Beringers Forschung wurde ihm zum Verhängnis, wobei Beringer die gefälschten Fossilien letztendlich selbst aufdeckte, „als er zu seinem Schreck seinen eigenen Namen versteinert fand und ein Gesteinsstück ausgrub, worauf ´Vivat Beringerius` (Anm.: Es lebe Beringer) zu lesen stand“ (Haas, 1887).
Zudem gewann die Wissenschaft an neuen Erkenntnissen, sodass Beringers Fossilien 1732 offiziell als Wissenschaftsbetrug entlarvt wurden. Um seinem Ansehen nicht zu schaden und der Schmach seiner Kollegen ausgesetzt zu sein, vernichtete Beringer einen Großteil der Bestände seines Werkes Lithographiae Wirceburgensis: specimen primum und auch die entsprechenden Fossilien. 600 Exponate konnten dennoch „gerettet“ werden und „an Stelle des Ruhmes, den er von seinem großen Unternehmen erwartete, wurden ihm nur Spott und Schande zu Theil“ (Marsh, 1880) – daher auch Beringersche Spottsteine.
August Demmin (1817 bis 1889) ist der Meinung, dass Beringer sich mit seiner Publikation „alles Mögliche im höheren Blödsinn geleistet hat“, der heute in Museen, Ausstellungen und Sammlungen der Universitäten in Würzburg, Bamberg und München sowie in Haarlem/Niederlande gesehen werden kann.


Beringer Lügensteine
Quelle: Beringer, J. B. A. (1726): Lithographiae Wirceburgensis

Beringersche Lügensteine

Aus heutiger Sicht würde vermutlich niemand davon ausgehen, dass die Beringerschen Fossilien echt bzw. natürlichen Ursprungs sind. Die Motive sind laut Marsh 1880 von „wunderbarer und phantastischer Gestalt“, phantasiereich und erinnern an Hobbyarbeiten aus der Töpferschule. August Demmin spricht von „äußerst niedlichen Thonnachahmungen, besser gesagt Erfindungen unmöglicher Fossilien“.

Der Paläontologe Hippolyt Julius Haas (1855 bis 1913) führte 1892 „fossile Sterne, Mond und Sonne, Störche mit Kindern im Schnabel, die allersonderbarsten Insektenformen, in Begattung begriffene Frösche und Mücken“ auf.

Carl Siegfried (Theologe; 1830 bis 1903) ergänzte 1881 um „Bienen, Schmetterlinge, Spinngewebe, (…), hebräische, arabische und lateinische Inschriften“. Laut Demmin befanden sich auch „wunderliche Muscheln und Schnecken, Wandelsterne mit langen ebenfalls versteinerten Schweifen, Regenwürmer, Sonnen- und Mondscheiben mit Menschenfratzen, haspelnde Spinnen, wo auch die Gewebe der Tegenairen nicht vergessen sind, honigbereitende Bienen mit ihren Zellen, geschlechtlich vereinte unmögliche Käferarten (…) und Krebse mit rechtwinklig ins Gehirn ausgeschnittenen Dreiecken“ unter den Fundstücken, die „spottlustige Leute aus Thon angefertigt“ hatten (Haas).
Kurzum: Versteinerungen, die es aufgrund des Vorgangs der Fossilienentstehung nie geben kann und Lebewesen, die anatomisch falsch dargestellt wurden.


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Quellen:
⇒ Beringer, J. B. A. (1726): Lithographiae Wirceburgensis, Ducentis Lapidum Figuratorum, A Potiori Insectiformium, Prodigiosis Imaginibus Exornatae Specimen Primum
⇒ Knorr, G. W. (1773): Sammlung der Merkwürdigkeiten der Natur und Alterthümer des Erdbodens
⇒ Schröter, J. S. (1788):
Versteinerungen, Würzburgische. IN: Lithologisches Real- und Verballexicon
⇒ Allgemeine Literatur-Zeitung (1795): Erdbeschreibung
⇒ Schlesische Gesellschaft für vaterländische Kultur (1849): Ueber die Erhaltung der fossilen Reste. IN: Uebersicht der Arbeiten und Veränderungen der schlesischen Gesellschaft für vaterländische Kultur im Jahre 1848
⇒ Güttler, C. (1877): Naturforschung und Bibel in ihrer Stellung zur Schöpfung. Eine empirische Kritik der mosaischen Urgeschichte
⇒ Demmin, A. (1878): Eine geologische Mystifikation. IN: Die Gegenwart
⇒ Marsh, O. C. (1880): Geschichte und Methode der paläontologischen Entdeckungen. IN: Kosmos
⇒ Haas, H. (1887): Von den Untersuchungsmethoden der Versteinerungskunde. IN. Katechismus der Versteinerungskunde (Petrefaktenkunde, Paläontologie)

Letzte Aktualisierung: 30. Oktober 2022




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