Ein unscheinbarer Stein, der 1867 gefunden und per Post verschickt wurde, markiert die Geburtsstunde des Diamantenbooms in Südafrika. Eine zentrale Rolle spielte dabei der Wissenschaftler William Guybon Atherstone. Eigentlich studierter Mediziner, im Herzen aber Geologe, befasste sich Atherstone seinerzeit mit der Bestimmung eines Diamanten, der den Grundstein für den späteren Diamantenbergbau in Kimberley legte.

William Guybon Atherstone wurde am 27. Mai 1814 im englischen Nottingham geboren.
Schon als Kind kam er gemeinsam mit seiner Familie im Rahmen der „1820 Settlers“ - die Siedler von 1820 – mit dem Schiff Ocean Queen in die Kapkolonie nach Südafrika. Etwa 4000 Briten kamen damals von England aus an die Südspitze Afrikas, wobei neben der Ausdehnung Englands als Kolonialmacht auch Armut, politische Krisen und Arbeitslosigkeit Gründe für die Auswanderung waren. William Atherstones Vater Dr. John Atherstone war in Uitenhage als Chirurg tätig.
Dem Beruf des Vaters folgend kehrte William Atherstone im Erwachsenenalter nach Europa zurück, um in Dublin, London und Paris Medizin zu studieren. 1837 wurde er Mitglied des Royal College of Surgeons, 1839 promovierte er an der Universität Heidelberg zum Doktor der Medizin. Im gleichen Jahr führte ihn und seine Frau Catherine der Weg nach Grahamstown, dem heutigen Makhanda. Dort arbeitete er viele Jahre in der Praxis seines Vaters, widmete sich aber auch der Erforschung epidemischer Krankheiten in der Kapkolonie, führte als einer der ersten eine Operation unter Äthernarkose durch, befasste sich aber auch mit den Krankheiten von Nutztieren.
Zu dieser Zeit machte Atherstone Bekanntschaft mit in Südafrika ansässigen Geologen und begann sich zunehmend für die Geowissenschaften zu interessieren. Im Fokus seiner Aufmerksamkeit lagen fossile Reptilien, die er teilweise zusammen mit Gesteinsproben zur Untersuchung nach London schickte und so die Tore zur Erforschung der Geologie von Südafrika öffnete.
Eine Persönlichkeit, die sein Wirken dabei beeinflusste, war der Geologe Andrew Geddes Bain (1797 bis 1864). Zusammen unternahmen beide Exkursionen an den Gamtoos River, Boesmansriviermond und Zwartskop River, um nach Fossilien zu suchen. Parallel arbeitete Atherstone viel im Feld auf der Suche nach potenziellen Rohstoffvorkommen, evaluierte dabei unter anderem die Kupfervorkommen von Namaqualand, die goldhaltigen Gesteine von Lydenburg (heute: Mashishing) oder die Diamantenfelder von Jagersfontstein. Seine Erkenntnisse hielt er in zahlreichen Aufzeichnungen fest, sodass er schon bald den Namen als „most scientific man in South Africa“ erhielt.
Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit engagierte sich Atherstone für den Aufbau kultureller und wissenschaftlicher Einrichtungen in Grahamstown. So war er an der Gründung der Bibliothek, des Botanischen Gartens und des Albany Museum beteiligt. Darüber hinaus vertrat Atherstone Grahamstown von 1881 bis 1883 im Parlament der Kapkolonie, gehörte bis 1891 dem Legislativrat an und war 1895 Mitbegründer der Geological Society of South Africa.
Am 26. Juni 1898 verstarb Atherstone mit 84 Jahren in Grahamstown.
Im Jahr 1867 fand der 15-jährige Erasmus Stephanus Jacobs auf der Farm De Kalk nahe Hopetown am Oranje-Fluss auffällig glänzende Steine. Er und seine Freunde spielten mit den vermeintlichen Kieselsteinen, bis sein Nachbar Schalk van Niekerk vermutete, dass es Diamanten sein könnten. Van Niekerk fragte die Mutter der Kinder, ob er ihnen die Steine abkaufen könne, aber sie schenkte sie ihm.
In einem Schreiben vom 12. März 1867 wurde der größte Stein per Postkutsche in einem Briefumschlag verschickt, der Atherstone zufolge im Brief mit Gummi fixiert wurde. Atherstone nahm den Kristall genau unter die Lupe und untersuchte die Dichte, Härte und den Brechungsindex. Sein Ergebnis: der Stein war ein echter Diamant.
Der strohgelbe Diamant mit einem Gewicht von 21,25 Karat ging später unter dem Namen Eureka Diamond in die Geschichte ein, wobei der Name eine Anspielung auf den altgriechischen Ausruf „Heureka! - „Ich habe es gefunden!“ ist. Der Fund war eine Sensation; noch im selben Jahr wurde der Diamant auf der Pariser Weltausstellung präsentiert und stieß international auf großes Interesse.
Nach der Rückkehr nach Südafrika kaufte Sir Philip Wodehouse Gouverneur der Kapkolonie, den Diamanten für 500 Pfund. Später wurde der Rohdiamant zu einem 10,73 Karat schweren Diamanten im Kissenschliff verarbeitet. 1967 erwarb der Diamantenproduzent De Beers den Diamanten und schenkte den Eureka-Diamanten Südafrika, der heute im Mine Museum in Kimberley ausgestellt wird.
Ab 1868 begann unter anderem auf Initiative von William Guybon Atherstone die gezielte Suche nach weiteren Diamantvorkommen. Die Folgen der Entdeckung waren weitreichend: Atherstones Bestimmung des Steins als echter Diamant löste einen regelrechten Diamantenrausch aus, und die Region entlang des Oranje- und Vaal-Flusses zog Glückssucher, Händler und Investoren aus aller Welt an. Innerhalb weniger Jahre entstanden die bedeutenden Diamantenfelder von Kimberley und Jagersfontein. Südafrika entwickelte sich binnen kurzer Zeit zum Zentrum der weltweiten Diamantenproduktion und löste Brasilien als führende Diamantennation ab.
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