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Mineral des Monats: Vesuvianit



... und die Rolle im Übergang zur modernen Mineralogie



Im April 1795 wurde erstmals ein Mineral beschrieben, das den Namen Vesuvianit erhielt, benannt nach dem bekannten Vulkan Vesuv bei Neapel. Die Entdeckung des Minerals markiert aber auch einen Meilenstein in der Mineralogie, da die Entdeckung in eine Phase tiefgreifender Umbrüche in der Naturforschung fällt, in der sich die Mineralogie von einer beschreibenden Disziplin hin zu einer analytischen Wissenschaft entwickelte. Eine zentrale Rolle spielte dabei der Vesuv; nicht nur als Fundort verschiedener Mineralien, sondern als Ort der Beobachtung, an dem konkurrierende Theorien über die Entstehung von Mineralien und der Erde überprüft werden konnten.


Grüner Vesuvianit
Grüner Vesuvianit (Fundort: Val di Sasa, Italien)

Vesuvianit

Die älteste Beschreibung des Minerals Vesuvianit stammt aus der Feder des französischen Mineralogen Jean-Baptiste Romé de L´Isle (1736 bis 1790). Im Jahr 1783 hielt er das Mineral noch für Hyazinth, eine Varietät von Zirkon, und nannte es in Anspielung an den Fundort „Hyacinthe du Vesuve“.

Im April 1795 nahm der deutsche Mineraloge Abraham Gottlob Werner (1749 bis 1817) das Mineral erneut unter die Lupe und stellte fest, dass es sich um ein eigenständiges Mineral handelte, das er nach der Typlokalität, dem Vulkan Vesuv bei Neapel in Italien, Vesuvianit nannte.

Einige Jahre später erhielt das Mineral abermals einen neuen Namen: René-Jüst Haüy (1743 bis 1822) taufte das Mineral Idokras, wobei er sich bei der Namensgebung wortwörtlich auf die „gemischte Gestalt“ der Kristalle bezog. In der Mineralogie setzte sich schlussendlich aber der Name Vesuvianit durch.


Das geologische Weltbild im Wandel

Vesuvianit entsteht typischerweise unter kontaktmetamorphen Bedingungen in Zonen, in denen heiße Magma karbonatische Gesteine mineralogisch und strukturell verändert. Ein Prozess, der vor mehr als 200 Jahren noch nicht als eigenständiger Bildungsmechanismus verstanden wurde.

Die Vorstellungen zur Entstehung der Erde waren im späten 18. Jahrhundert maßgeblich durch zwei konkurrierende Theorien geprägt: den Neptunismus und Plutonismus. Während der Neptunismus, unter anderem vertreten durch Abraham Gottlob Werner, Gesteine als Ablagerungen eines Urozeans interpretierte, betonte der Plutonismus unter James Hutton (Naturforscher und Geologe; 1726 bis 1797) die Rolle von Hitze und Schmelzprozessen im Erdinneren.

Die Mineralien und Gesteine des Vesuv wurden deshalb zum Forschungsobjekt dieser Theorien. Karbonatische Gesteine ließen sich im neptunistischen Modell vergleichsweise gut deuten, während frische vulkanische Produkte wie Lava, Fumarolen und entsprechende Mineralien dieses zunehmend infrage stellten. Der Vesuv vereinte unterschiedliche geologische Entstehungsbedingungen auf engem Raum und machte diese Wechselwirkungen unmittelbar sichtbar.

Die Vielzahl an Eruptionen seit dem 16. Jahrhundert, die unterschiedlichsten Mineralien vor Ort (z.B.Alaun, Analcim, Andradit, Antlerit, Auripigment, Chabasit, Covellin, Cuprorivait, Fayalit, Ferruccit, Gips, Haüyn, Kremersit, Kryptohalit, Malladrit, Mitscherlichit, Napolit, Nephelin, Pyrit, Realgar, Sodalith, Sphalerit, Sylvin oder Wulfenit) und nicht zuletzt auch die leichte Erreichbarkeit der Region zogen Gelehrte aus ganz Europa an, darunter William Hamilton (Vulkanologe; 1730 bis 1803), Lazzaro Spallanzani (Universalgelehrter; 1750 bis 1826), Scipione Breislak (Geologe; 1750 bis 1826) und Déodat de Dolomieu (Geologe, 1750 bis 1801), genau wie der Naturforscher Alexander von Humboldt Station (1769 bis 1859) eine Reise zum Vesuv unternahm.

Lange Zeit, bevor der Vesuv als „Freiluftlabor“ in der Welt der Forschung en vogue war, konzentrierte sich die Mineralogie und Geologie hauptsächlich auf die Beschreibung der äußeren Merkmale wie Farbe, Strichfarbe, Bruch, Spaltbarkeit, Glanz und Kristallform, aber auch der Geschmack und Geruch wurden unter die Lupe genommen. Parallel begann sich jedoch mit der Entwicklung der modernen Chemie eine analytische Herangehensweise durchzusetzen, die Mineralien als zusammengesetzte Stoffe untersuchte.

Der Vesuv war das perfekte Arbeitsumfeld. Während der Fokus in der Vergangenheit auf der bloßen Beschreibung lag, wurde in die Erforschung von Mineralien auch dank der Beobachtung von Prozessen wie der Erstarrung von Lava oder vulkanischen Gasexhalationen physikalisch-chemische Prozesse verstanden und mit in die Analyse der Entstehungsbedingungen eingebunden.

Folglich löste sich die Wissenschaft von den historischen Modellen der Erdentstehung. Stattdessen wurde die Erde zunehmend als dynamisches System, in dem magmatische, sedimentäre und metamorphe Prozesse miteinander verknüpft sind, begriffen.


Auch interessant:


Quellen:

  • Werner, A.G. (1774): Von den äußerlichen Kennzeichen der Fossilien
  • Hamilton, W. (1776): Campi Phlegræi : Observations on the volcanos of the two Sicilies as they have been communicated to the Royal Society of London
  • Romé de L´Isle, J. R. (1783): Gemmes. IN: Cristallographie, ou description des formes propres à tous les corps du règne minéral. Seconde édition
  • Breislak, S. (1792): Essais minéralogiques sur la solfatara in Pozzuole
  • Spallanzani, L. (1792): Viaggio alle due Sicilie e in alcune parti dell' Appennino
  • Klaproth, M. H. (1795): Chemische Untersuchung des Vesuvians. Vesuvian vom Vesuv. IN: Beiträge zur chemischen Kenntnis der Mineralkörper
  • Blumenbach, J. F. (1797): Vesuvian. IN: Handbuch der Naturgeschichte
  • Breislak, S. (1798): Essai sur la structure géologique des environs de Naples
  • Haüy, R. J. und Karsten, D. L. G. (1804): Idokras. IN: Lehrbuch der Mineralogie
  • Humboldt, A. v. (1849): Ueber den Bau und die Wirkungsart der Vulkane in den verschiedenen Erdstrichen. IN: Ansichten der Natur
  • Rath, G. v. (1873): Der Vesuv. Eine geologische Skizze
  • Rudwick, M.J.S. (2005): Bursting the Limits of Time: The Reconstruction of Geohistory in the Age of Revolution. Chicago: University of Chicago Press.
  • Brauns, R. (1903): Vesuvian. IN: Das Mineralreich. Band 2
  • Okrusch, M. und S. Matthes (2009): Mineralogie: Eine Einführung in die spezielle Mineralogie, Petrologie und Lagerstättenkunde. Springer Verlag Berlin Heidelberg
  • Schumann, W. (2017): Edelsteine und Schmucksteine. Alle Arten und Varietäten. 1900 Einzelstücke. BLV Bestimmungsbuch, BLV Verlagsgesellschaft mbH München
  • www.mineralienatlas.de - Vesuv

Letzte Aktualisierung: 17.04.2026



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