Wenn im Herbst die Stürme über die Ostsee ziehen, beginnt die Bernsteinzeit. Jetzt steigen die Chancen, zwischen Algen, Muscheln und Treibholz das „Gold der Ostsee“ zu finden.
Allerdings weniger aufgrund der Tatsache, dass die Badesaison vorbei ist oder wegen der Konkurrenz durch andere Bernsteinsammlerinnen und -sammler, sondern wegen der nun vorherrschenden Winde und Wassertemperaturen. Diese Größen entscheiden darüber, ob die im Meeresboden versteckten Bernsteine von der Natur freigegeben und in Richtung Strand transportiert werden. Wer weiß, wann und wo er oder sie suchen muss, hat deshalb im Herbst deutlich bessere Aussichten als während des sommerlichen Strandurlaubs.
Die Ostsee ist ein schier unendliches Lager von Bernsteinen. Am Meeresgrund, überdeckt von mächtigen Sandschichten, liegen zahllose Bernsteine, deren Vorkommen eng mit der geologischen Vergangenheit der Ostsee verbunden sind.
Damit die versteckten Bernsteine schließlich den Weg an die Ostseeküste finden, sind heftige Herbst- und Winterstürme entscheidend. Diese wühlen nicht nur das Wasser auf, auch der Meeresgrund wird erfasst, sodass leichte Materialien wie Tang, Bernsteine, Muschelschalen und auch abgestorbenes Holz in Bewegung gesetzt und bei auflandigem Wind in Richtung Küste verlagert werden.
Natürlich kann man auch im Juni, Juli und August Bernsteine an der Ostsee finden, allerdings gibt es im Sommer über eine längere Zeit windstille Phasen, weshalb die Bernsteinquote geringer ausfällt als im Herbst.
Im Herbst kommt außerdem der Faktor der Wassertemperatur hinzu, die mehr Bernsteine an den Strand spült. Kaltes, salzhaltiges Wasser besitzt eine höhere Dichte als warmes Wasser. Dadurch verbessert sich der Auftrieb von Bernsteinen. Das heißt: Bei niedrigen Wassertemperaturen nur wenige Grad über dem Bernstein kann Bernstein zusammen mit leichten Pflanzenteilen, Muscheln und Treibholz verlagert werden.
Die Lufttemperatur hingegen spielt nur eine indirekte Rolle. Entscheidend ist nicht, ob das Thermometer 5 oder 15 °C anzeigt, sondern wie kalt das Wasser der Ostsee mittlerweile geworden ist, was die Windfahne und das Anemometer in Hinblick auf die Windrichtung und -geschwindigkeit zeigen.
Wer sich auf die Suche nach Bernsteinen begibt, sollte deshalb auch immer den Wetterbericht im Auge behalten. Vor allem stürmische Nächte spielen einem in die Karten, weshalb die besten Fundmöglichkeiten in den Stunden und Tagen nach kräftigen Stürmen gegeben sind.
Die Erfahrung zeigt zudem, dass hauptsächlich der sogenannte Spülsaum vielversprechend ist. Der Spülsaum wiederum ist die Linie am Strand, an der durch die Wellen Tang, Seegras, Algen, kleine Stöckchen, Muscheln und Muschelschalen sowie anderen Treibgut abgelagert wurden. Inmitten dieser Ablagerungen befinden sich mit etwas Glück auch Bernsteine, da Bernsteine wegen der geringen Dichte häufig zusammen mit dem Treibgut angespült werden.
Bernsteine kommen grundsätzlich im ganzen Bereich entlang der Ostseeküste vor. Trotzdem gibt es Orte, in denen mehr Bernsteine an Land gespült werden als an anderen. Zu den bekanntesten Suchgebieten zählen die Strände der Inseln Usedom, Rügen sowie Fischland-Darß-Zingst, genau wie Hiddensee und einige Küstenabschnitte Schleswig-Holsteins gute Funde versprechen.
Die Wahrscheinlichkeit zu finden, ist im Spülsaum deutlich höher als am trockenen Sand. Daher empfehlen sich neben wetterfester Kleidung auch wasserdichte Schuhe. Wer schon frühmorgens auf die Suche geht, ist zusätzlich mit einer Stirn- oder Taschenlampe gut beraten.
Von Zeit zu Zeit sieht man den Stränden auch (professionelle) Sammlerinnen und Sammler mit Keschern, die das Treibgut auch weiter hinter dem Spülsaum direkt vom Meeresgrund aufnehmen. Hier gilt allerdings Vorsicht, da Unerfahrene mitunter die örtliche Gefahr der Brandung nicht kennen bzw. die Strömung nicht einschätzen können.
Einige Bernsteinsammlerinnen und -sammler setzten zudem auf UV-Lampen.Tatsächlich ist dieses Utensil sehr praktisch, denn Bernstein fluoresziert unter ultraviolettem Licht und kann so einfacher zwischen anderen Strandfunden erkannt werden, besonders in der Dämmerung oder Dunkelheit.
Eine andere Gefahr, die man beim Sammeln kennen sollte, ist weißes Phosphor.
An einigen Küstenabschnitten können noch Munitionsreste aus dem Zweiten Weltkrieg vorkommen. Insbesondere weißes Phosphor, das aus Phosphorbomben stammt, die während des 2. Weltkriegs über den deutschen Ostseeinseln abgeworfen wurden, ist gefährlich. Im Laufe der Zeit erodierten die Bomben am Grund der Ostsee und legten das weiße Phosphor frei, das durch das Zusammenspiel der Alterung und Einfluss von Salzwasser verwitterte und nun farblich an Bernsteine erinnert. Hinzu kommt, dass weißes Phosphor vergleichbar weich und leicht ist.
Die Gefährlichkeit von weißem Phosphor zeigt sich allerdings erst beim Trocknen, insofern das Material durch den Kontakt mit Sauerstoff bei Temperaturen zwischen 20 und 40 °C selbstentzündlich ist und schwere Verbrennungen verursachen kann.
Aus diesem Grund sollten Bernsteinfunde niemals in Hosen- oder Jackentaschen getragen werden. Vielmehr sollten die Funde zunächst in einem Glas aufbewahrt und am Strand getrocknet werden. Im Fall, dass sich der „Bernstein“ entzündet, niemals mit Wasser löschen, sondern Sand darüber streuen. Entsprechende Warnhinweise am Strande machen vielerorts zusätzlich auf die Gefahr aufmerksam.
Bernsteine sind sehr weiche Steine. In der Vergangenheit war ein häufig praktizierter Tipp zur Bestimmung, den Stein mit den Zähnen zu testen. Konnte man einen Splitter abbeißen, war es ein Bernstein. Aus Vorsicht vor weißem Phosphor sollte man diesen Test heutzutage nicht mehr vornehmen. Stattdessen kann man versuchen, den Bernstein mit einem Taschenmesser oder einer Messerklinge zu zerkratzen. Farblich ähnlich aussehender Feuerstein ist wesentlich härter und lässt sich nicht zerkratzen.
Mit der Zeit bekommt man auch ein Gefühl für Bernstein, denn Bernsteine sind im Verhältnis zur Größe ungewöhnlich leicht und fühlen sich „wärmer“ als Feuersteine.
Das heißt: die Farbe ist nicht das einzige Kriterium, das Bernsteine ausmacht. Auch Feuersteine oder gelbliche braune Quarze können ebenso bernsteinfarben sein, wobei die Farbpalette von Bernsteinen von hellen bis dunklen Honignuancen, gelblich wie ein Sahnebonbon, rötlichbraun bis dunkelbraun reicht. Viele Bernsteine sind außerdem auf den ersten Blick unscheinbar, da die Oberfläche von einer Verwitterungskruste überzogen ist und den Stein matt, erdig wirken lässt.
Wenn man beim Sammeln ohnehin ein Glas dabei hat, bietet sich direkt vor Ort der Test mit dem Salzwasser der Ostsee an. Bernstein weist mit 1,82 g/cm³ eine sehr geringe Dichte auf und schwimmt im salzigen Wasser der Ostsee.
Trockner Bernstein lädt sich im Gegensatz zu Feuerstein zudem elektrostatisch auf. Dazu wird der Stein einfach an der Kleidung gerieben und zieht dann im positiven Fall Haare oder Staub an.
Das Sammeln von Bernsteinen in kleinen Mengen für den Privatgebrauch ist an vielen Stellen möglich, wenngleich es keine pauschale Erlaubnis für die gesamte Ostseeküste gibt.
Vor allem in Nationalparks und Naturschutzgebieten ist Vorsicht geboten. Hier gelten strenge Vorschriften. So ist beispielsweise im Nationalpark Jasmund auf Rügen die Entnahme von Bodenbestandteilen von Seiten der Nationalparkverwaltung verboten. Gleiches gilt im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft, die das Mitnehmen von Bodenmaterialien ebenfalls untersagt und obendrein vorschreibt, dass bestimmte Bereiche nur auf ausgewiesenen Wegen betreten werden dürfen.
Hinzu kommen örtliche Regelungen, etwa an Küstenschutzanlagen oder besonders geschützten Strandabschnitten, weshalb es vor dem Sammeln sinnvoll ist, sich über die konkreten Sammelmöglichkeiten zu informieren und auch die Beschilderung zu beachten.
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Quellen:
Letzte Aktualisierung: 01.09.2026