In den europäischen Bergbauregionen war und ist Weihnachten weit mehr als ein kirchliches Fest. Für die Bergleute bedeutete die Advents- und Weihnachtszeit eine Zeit der Besinnung, Dankbarkeit und Gemeinschaft, die in Rituale eingebettet war und Schutz, Hoffnung und Zusammenhalt versprach. Besonders im Erzgebirge entwickelte sich daraus ein über die Jahrhunderte gewachsenes Geflecht aus religiösem Brauchtum, bergmännischem Arbeitsalltag und traditioneller Volkskunst.
Ein wichtiges Datum der Adventszeit ist der 4. Dezember – der Barbaratag. Der Tag, der der Heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute, geweiht ist. In einem Beruf, der seit jeher von Einstürzen, Schlagwettern und anderen Gefahren unter Tage geprägt war und ist, kommt dem Gedanken des Schutzes eine besondere Bedeutung zu.
Der Barbaratag ist im Zusammenhang mit der Barbara-Legende entstanden. Barbara von Nikomedien soll im 3. Jahrhundert in Nikomedien (heute:Izmit in der Türkei) gelebt haben. Gestorben ist sie am 4. Dezember 306. Ihr kurzes Leben war tragisch. Die Tochter des heidnischen Dioscuros verliebte sich einst und wollte den christlichen Glauben ihres Angebeteten annehmen. Um sie davon abzuhalten, ließ Dioscuros seine Tochter in einem Turm einsperren. Eines Tages gelang Barbara die Flucht und verbrachte einige Zeit in einer Felsengrotte, die in der Interpretation als Brücke zum Bergbau gesehen wird. Doch Barbara wurde gefunden. Ihr erzürnter Vater steckte sie abermals hinter Schloss und Riegel und enthauptete sie schlussendlich.
Zum Gedenken an die Heilige Barbara werden in vielen Bergwerken bis heute Barbara-Altäre eingerichtet. Weitaus bekannter ist jedoch der Brauch der Barbarazweige. Am Barbaratag werden Zweige von Obstbäumen oder Sträuchern – Apfel, Kirsche, Birne, Pflaume, Flieder, Forsythie oder Linde – in Wasser gestellt. Blühen sie zu Weihnachten, gilt dies als Zeichen für Glück und Segen im kommenden Jahr. Auch dieser Brauch wird auf die Legende zurückgeführt: Als Barbara aus dem Kerker floh, soll sie mit ihrem Kleid an einem Zweig hängen geblieben sein, der abbrach und am 24. Dezember zu blühen begann.
In vielen Bergbauregionen war der Barbaratag früher ein arbeitsfreier oder besonders feierlich begangener Tag, an dem Gottesdienste und Prozessionen abgehalten wurden, in denen die Bergleute ihre Tracht ausführten.

In der Vorweihnachtszeit kann es im Erzgebirge vielerorts am Nachmittag oder frühen Abend laut werden. Nämlich dann, wenn die 300 bis 4000 Personen starke Bergparade mit dem dazugehörigen Chor durch die Straßen zieht. Ursprünglich waren Bergparaden repräsentative Aufzüge, die die Ordnung, Hierarchie und den Zusammenhalt der Bergleute sichtbar machten; genau wie die Bergparade auch den Reichtum einer Region zur Schau stellte.
Heutzutage findet die Bergparade hauptsächlich in der Vorweihnachtszeit statt, um noch einmal vor Jahresende gemeinsam zusammen zu kommen. In der Vergangenheit stand die Bergparade aber auch bei Hochzeiten von Adligen, Begräbnissen von bedeutenden Persönlichkeiten und hohen Gedenktagen auf der Tagesordnung. Die Teilnehmenden trugen und tragen zur Bergparade historische Trachten, deren Farben, Abzeichen und Werkzeuge den Rang und ihre Funktion erkennen ließen und lassen.
Eng mit dem Bergbau ist auch der Schwibbogen verbunden. Als Vater des Schwibbogens gilt der Bergschmied Johann Christian Teller, der 1740 den ersten eisernen Schwibbogen gestaltete.
In seinem halbmondförmigen Bogen griff Teller sowohl biblische – Adam und Eva, die zu zwei Engeln hinaufsehen sowie der Biblische Sündenfall – als auch bergmännische Motive auf, dargestellt anhand von zwei Bergleuten in Tracht, die den Blick auf das zentrale Wappen mit den sächsischen Kurschwertern richten.
Doch die Wurzeln des Schwibbogens reichen noch weiter zurück. Schon Jahrhunderte zuvor war es gang und gäbe, dass die Kumpel nach der letzten Schicht vor Weihnachten ihre Grubenlampen halbmondförmig, vergleichbar mit dem Umriss des Eingangs zum Stollen, an der Grubenwand aufhängten und ihrem Wunsch nach Licht in dunklen Winter ein Gesicht gaben.
Gut 200 Jahre nach Tellers Schwibbogen änderte sich das Motiv. Auf der „Feierobnd-Ausstellung“ von 1937 im sächsischen Schwarzenberg wurde der Wettbewerb „Schwibbogen für alle“ ausgeschrieben. Die Gewinnerin war die Illustratorin Paula Jordan (1896 bis 1986). Mit ihrem Schwarzenberger Schwibbogen gelang es ihr, den Bergbau als zentrales Motiv mit dem erzgebirgischen Handwerk und der regionalen Sagenwelt zu verbinden.
Der hölzerne Schwibbogen zeigt am oberen Rand einen schwebenden Engel, während darunter eine vielschichtige Szenerie dargestellt wird: Ein Drechsler bei der Arbeit an Räuchermännchen steht ebenso im Mittelpunkt wie zwei Bergleute mit Hammer und Schlegel neben einem Tannenbaum. Ergänzt wird das Ensemble durch eine Spitzenklöpplerin und eine Blume als Sinnbild der erzgebirgischen Sagenwelt; auch die sächsischen Kurschwerter fehlen nicht. Am Fuß des Schwibbogens ist schließlich der bergmännische Gruß „Glück auf“ verewigt.
Fernab des klassischen Schwibbogens wandelten sich die modernen Schwibbögen und bilden von Naturszenen und Städten auch einzelne Gebäude wie Kirchen oder Mühlen ab.
Ein weiterer Teil der erzgebirgischen Holzkunst ist das Figurenpaar Engel und Bergmann. Seit dem 17. Jahrhundert wird das Paar, das in den Händen das Licht trägt, aus Holz hergestellt.
Die Figuren bilden nicht nur das Handwerk der kunstvollen Holzverarbeitung ab; Bergmann und Engel haben eine tiefergehende Bedeutung. Der Bergmann verkörpert die harte, gefährliche Arbeit unter Tage. Der Engel hingegen steht für Schutz, Glauben und Hoffnung. Gemeinsam symbolisieren Engel und Bergmann die Gegensätze Diesseits und Jenseits, Mensch und Gott, Dunkelheit und Licht.
Ursprünglich wurden diese Figuren während der Wintermonate in den heimeligen Stuben geschnitzt. Mit der Zeit entwickelten sich Bergmann und Engel zu kunstvoll gestalteten Lichtfiguren, die bis heute in der Adventszeit in Fenstern und Stuben als Ausdruck bergmännischer Identität leuchten.

Was ist ein Stollen? Ein längliches, mit Puderzucker bestäubtes Weihnachtsgebäck, das an einen verschneiten Eingang zum Bergwerk erinnert? Oder aber die aus Holz gefertigte Stützkonstruktion, die das Befahren des Bergwerks ermöglicht und sicherer macht?
Möglich ist beides, ohne aber dass es beim Weihnachtsstollen oder Bergbaustollen einen gemeinsamen Nenner gibt. Der weihnachtliche Stollen war ursprünglich ein schlichtes Fastengebäck, das erst im Laufe der Jahre durch Butter, Trockenfrüchte und Gewürze verfeinert wurde. Und auch in puncto Form stand ein anderer Gedanke im Vordergrund: der Stollen sollte das in Windeln gewickelte Christkind symbolisieren.
Mit dem Backen der Stollen wird typischerweise im Spätherbst begonnen. In einigen Orten des Erzgebirges hat es sich seit geraumer Zeit eingebürgert, das Gebäck im Bergbau-Stollen zu lagern. Allerdings nicht aus Gründen des Platzmangels in den Bäckereien. Vielmehr herrschen unter Tage die optimalen Bedingungen zum Reifen der Weihnachtsstollen. Bei gleichbleibenden 8 °C und einer Luftfeuchtigkeit von etwa 95 % können sich die Aromen der Zutaten des Weihnachtsstollens im Stollen bestens entfalten.
Den Höhepunkt und Abschluss der bergmännischen Weihnachtszeit stellt die Mettenschicht dar, die letzte Arbeitsschicht vor Weihnachten. Der Name bezieht sich allerdings nicht auf Mett, wo man meinen könnte, zur letzten Schicht gäbe es Mettbrötchen, sondern auf die an Heiligabend in der Kirche stattfindenden Christmette.
Der Beginn der Mettenschicht wird vom Steiger, dem Hauptverantwortlichen im Stollen, durch Klopfen verkündet. Die letzte Schicht unter Tage wird früher beendet, damit die Kumpel gemeinsam ins Huthaus – das Verwaltungsgebäude und Haus, wo Werkzeuge, Aufenthaltsräume und Wohnungen untergebracht sind, gehen und dort in weihnachtlicher Atmosphäre Bergmannslieder singen, das vergangene Jahr besprechen und den Verunglückten gedenken können.
Danach wird der Bergschmaus serviert: verschiedene herzhaft-deftige Gerichte, wie Kartoffeln, Sauerkraut und Bratwurst oder Brot mit Speck und Linsen.
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