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In, auf und aus Gestein gebaut - Nürnberger Felsengänge



Dass Gesteine nicht nur von Wind, Wasser und Eis in der Gestalt verändert werden können, sondern auch durch Bier, zeigen die Nürnberger Felsengänge in Deutschland.

Die Felsengänge und –keller von Nürnberg

Allüberragend thront die Nürnberger Burg, bestehend aus Burggrafen- und Kaiserburg, über der Stadt Nürnberg im Bundesland Bayern.

Der Sandsteinfelsen, der sowohl den Sockel der Burg als auch Untergrund der Stadt bildet, ist im Inneren nicht so massig-kompakt wie es scheint. Teile der Nürnberger Altstadt sind seit über 500 Jahren von einem in Sandstein gemeißelten, unterirdischen Labyrinth aus Kellern und Gängen durchzogen. Während die Keller über mehrere Stockwerke mit Deckenhöhen über zwei Metern verfügen, sind die Felsengänge sehr schmal und auf eine Etage festgelegt.

Bild 1: Felsengänge (Quelle: www.felsengaenge-nuernberg.de)

Die ersten Arbeiten zu den Nürnberger Felsengängen gehen auf eine Nürnberger Ratsverordnung vom 11. November 1380 zurück. Den vor Ort ansässigen Bierbrauern der Stadt wurde auferlegt, hauseigene Keller unterhalb der Brauereien anzulegen. Bergarbeiter des Mittelalters machten sich bei der Konstruktion der Keller und Gänge die natürliche Stabilität des Nürnberger Sandsteins zunutze. Unter den Straßen und Häusern der Stadt in Franken wurde auf diese Weise insgesamt eine nutzbare Fläche von 25.000 m2 geschaffen.
Das mehretagige Wesen der Felsenkeller wurde bewusst gewählt, insofern die unteren Bereiche mit Eisblöcken verfüllt wurden, um eine zusätzliche Kühlung der normalerweise 7 bis 10 °C temperierten Räume zu erreichen.

Im Jahr 1543 wurde das Kellersystem um weitere Gänge und Leitungen in tieferliegenden Schichten ergänzt. Grund dafür waren im Sandstein entdeckte wasserleitende Tonschichten, mit denen die Wasserversorgung der Nürnberger Bevölkerung sichergestellt werden konnte (mehr dazu weiter unten im Text).

Während des 2. Weltkrieges wurden die Felsengänge dank des durchdachten Lüftungssystems, das eine kontinuierliche Frischluftzufuhr garantierte, als Schutzbunker genutzt.
Der Bombardierung Nürnbergs wegen kam es nicht nur zur Zerstörung von großen Teilen der Stadt, auch die die Felsengänge wurden in Mitleidenschaft gezogen. Einige Abschnitte der Nürnberger Felsengänge wurden unwiederbringlich verschüttet. Damit einhergehend wurde die Luftzirkulation unterbrochen bzw. gestört. In die Porenhohlräume des Sandsteins eindringendes Wasser konnte nicht mehr verdunsten und lockerte den Gesteinsverbund. Mit Konstruktionen aus Stahl und Holz sowie Entlüftern konnten Teile der Felsengänge wieder hergestellt und vor dem Zerfall gerettet werden.
Detaillierte Aussagen über die Ausmaße des gesamten unterirdischen Felsensystems sind zum heutigen Zeitpunkt aufgrund verloren gegangener Unterlagen zu den Felsengängen nicht möglich.

Bild 2: Bierlagerung in den Felsenkellern (Quelle: www.felsengaenge-nuernberg.de)

Die erhaltenen Teile der Felsengänge und –keller werden heute noch als Bierkeller genutzt und sind begehbar, abschnittsweise auch für Touristen, die über den Eingang am Albrecht-Dürer-Denkmal in den Untergrund gelangen.

Das Gestein der Nürnberger Felsengänge

Wie bereits weiter oben im Text erwähnt, wurden die Nürnberger Felsengänge in den lokalen Sandstein geschlagen.
Der Nürnberger Sandstein ist von hellbeiger bis rötlicher Farbe, weist eine fein- bis grobkörnige Korngröße auf und wird auf ein Entstehungsalter von etwa 200 Mio. Jahren (Trias, spezieller Keuper) datiert. Aufgrund von Dichte und Verbreitung von Sandstein im mitteldeutschen Raum, wurden im Mittelalter etliche Burgen aus diesem Gestein errichtet, weshalb auch der Name Burgsandstein geprägt wurde.

Bild 3: Gänge im Nürnberger Sandstein (Quelle: www.felsengaenge-nuernberg.de)

Burgsandstein bzw. Sandsteine zählen zu den sogenannten Sedimentgesteinen, die aus der Verfestigung oder Verkittung verwitterter Gesteine oder organischer Bestandteile, aber auch durch Ausfällung aus Lösungen hervorgehen.

Das Ausgangsmaterial des Nürnberger Burgsandsteins stammt vom nahe gelegenen Böhmisch-Vindelizischen-Hochland. Jene Erhebungen sowie die der vor Jahrmillionen entstehenden Britischen Inseln und das London-Brabanter-Massivs umgrenzten vor über 270 Mio. Jahren das damalige Germanische Becken.

Das einst vorherrschende trocken-warme Klima förderte die Verwitterung von Gebirgen, so auch die Abtragung des Böhmisch-Vindelizischen Hochlands.
Zeitweilige Flüsse beförderten die erodierten Gesteinsmassen schließlich talwärts Richtung Germanisches Becken. In den Lockersedimenten zirkulierende Lösungen dienten nach Auskristallisation selbiger der Verfestigung zu Sandstein als Bindemittel, bspw. bestehend aus Karbonaten oder Kieselsäure. Der etwa 100 m mächtige Burgsandstein aus dem Keuper (235 bis 201 Mio. Jahre) wird mitunter von zwischengelagerten Schichten aus Karbonaten, Tonen oder Konglomeraten durchzogen.

Von hydrogeologischem Interesse sind innerhalb der Sandsteine insbesondere die Tonschichten, erkennbar anhand der gräulichen Dunkelfärbung. Ursprünglich handelt es sich bei den sogenannten Letten um Schlamm, der unter der Auflast weiterer Sedimente entwässert und verfestigt wurde. Den Letten im Sandstein ist zu verdanken, dass das Nürnberger Wasserversorgungssystem in den Felsengängen ausgebaut werden konnte. Tone bilden sehr dichte Schichten, auf denen versickerndes Oberflächenwasser als schwebendes Grundwasser geleitet werden kann. In den Nürnberger Felsengängen wurden Letten in unterschiedlichen Niveaus ermittelt, weshalb wenigstens vier Grundwasserhorizonte entstanden, die Nürnberg mit Wasser versorgten.


Siehe auch:
- Steinerne Zeugen - Wissower Klinken
- Steinerne Zeugen - Lange Anna Helgoland
- Die Deutsche Edelsteinstraße


Quellen:
- Sandsteinfelsen Nürnberger Kaiserburg - www.lfu.bayern.de
- Bilder und weitere Informationen zu den Nürnberger Felsengängen - www.felsengaenge-nuernberg.de

Letzte Aktualisierung: 4. April 2018




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