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Neptunismus



Zum Ende des 17. Jahrhunderts hielt eine Auffassung Einzug in die Lehrbücher der Geologie, die davon ausging, dass der Ursprung aller Gesteine im Meer begründet liegt – bekannt als Neptunismus (nach dem röm. Gott des Meeres Neptunus).

Der Ursprung aller Gesteine liegt im Meer

Das Modell zur Erklärung der Entstehung der Gesteine wurde in England entwickelt, kam im Laufe des 18. Jahrhundert nach Deutschland. Hauptaussage vom Neptunismus ist, dass alle Gesteine der Erde Sedimentgesteine sind, die aus den Weltmeeren auskristallisierten bzw. abgelagert wurden. Die für die Gesteine erforderlichen Gemengteile befanden sich in gelöster Form im Urozean und formierten sich durch die allmähliche Verdunstung des Meerwassers.


Neptunismus: alle Gesteine entstanden im Meer

Die Bibel als Grundlage

Die Thesen zum Neptunismus wurden auf bestimmte Passagen der Bibel gestützt, insbesondere auf das 1. Buch Mose, Kapitel 1. Unter dem Titel „Die Schöpfung: Sechstagewerk“ wird die Erschaffung der Erde einschließlich Meeren, Festland, Pflanzen und Lebewesen an aufeinander folgenden Tagen durch Gott beschrieben.

Angelehnt an den biblischen Gedanken der Schöpfung und Beobachtungen sowie Untersuchungen von Gesteinen entwickelten die sogenannten Neptunisten Ideen zur Entstehung der Erde und Gesteine.

Der englische Theologe Thomas Burnett (1635 bis 1715) gilt als einer der Begründer vom Neptunismus.
In seinem 1681 veröffentlichtem Werk „Telluris Theoria Sacra“ betrachet er die Entwicklung der Erde bezugnehmend auf die o.g. Passage. Die Erde wurde nach Burnett durch sich verfestigende kosmische Flüssigkeiten gebildet, Gott ist aber letztlich die Oberflächengestaltung selbiger zu verdanken. Besondere Erwähnung finden bei Burnett Gebirge, die er als landschaftsverunstaltend empfindet, aber unumgänglicher Ausdruck menschlicher Sündhaftigkeit sind. Das Vergehen von Sünden wird nach Burnett mit Sintfluten gestraft, in denen sich gelöste Stoffe befinden, aus deren Ablagerungen Steine und Berge hervorgehen. Mitunter findet sich deshalb auch anstelle von Neptunismus die Bezeichnung Diluvianismus (lat. Überschwemmung), die besagt, dass die Schichtung der Gesteine Folge mehrerer Sintfluten ist.

Gleiche Gedanken wie Burnett verfolgten der britische Geologe John Woodward (1665 bis 1728) und der englische Physiker Robert Hooke (1635 bis 1703).
Woodward schlussfolgerte aus Funden gleicher Fossilien sowohl am Berggipfel als auch am Fuß des Berges, dass der Meeresspiegel zu vergangenen Zeiten wesentlich höher war als seinerzeit – die Fossilien und Gesteine Zeugnis der Überflutung und Entstehung aus dem Meer sind. Hooke geht einen Schritt weiter und beschreibt den geschichteten Aufbau von Gebirgen aus verschiedenen Gesteinen als phasenweise abgelaufenen Vorgang der Kristallisation aus dem Meerwasser.

Nachdem der Neptunismus auch in Deutschland bekannt wurde, wurden auch hier entsprechende Gedanken publiziert.

Einer der ersten deutschen Neptunisten war der deutsche Geologe und Mineraloge Johann Gottlob Lehmann (1719 bis 1767).
1756 erwähnt Lehmann in der „Geschichte von Flözgebirgen“, dass die ältesten Gebirge der Welt aus Granit bestehen und die weltweit ersten Gesteine sind, die aus dem Meer kristallisierten. Als Beweis für das Alter führt er fehlende Fossilien an; der Bibel zufolge wurden Lebewesen erst nach dem Granit von Gott geschaffen wie nachfolgende, an Fossilien reiche Gesteinsschichten belegen.

Das Alter der Steine nach Werner

Auf den Erkenntnissen englischer und deutscher Gelehrter aufbauend entwickelte der deutsche Mineraloge Abraham Gottlob Werner (1749 bis 1817) zum ausgehenden 18. Jahrhundert eine Einteilung der Gesteine nach dem Alter im Sinne vom Neptunismus.

Die ältesten, zuerst aus den Ozeanen hervorgegangenen Gesteine bilden nach Werner die sog. urfängliche Gebirgsart – bestehend aus Granit, Gneis, Glimmerschiefer, Tonschiefer, Porphyr, Quarzit und Serpentinit. Danach entstanden Gesteine der Flöz-Gebirgsart vertreten durch Flözkalk, Sandstein, Grauwacke, Kreide, Steinsalz, Gips und Basalt. Gefolgt wird diese Gruppe durch die Gesteine der vulkanischen Gebirgsart: Bimsstein, Tuffstein, vulkanische Asche und Lava. Die letzte Kategorie nach Werner sind aufgeschwemmte Gebirgsarten mit Seifenablagerungen und Raseneisenerzen. Bezugnehmend auf die Gliederung der Gesteine nach Werner fertigte der Geologe Matthias Joseph Anker (1772 bis 1843) die erste geologische Karte Österreichs an.

Vulkanismus existiert nicht

Vulkane und vulkanische bzw. magmatische Gesteine nach dem heutigen Verständnis waren damals unbekannt. Stattdessen gingen die Neptunisten davon aus, dass unterhalb der Erdoberfläche selbstentfachte Brände von Holzkohle Gesteine aufschmolzen und strukturell veränderten – experimentell nachgewiesen vom schottischen Geologen James Hall (1761 bis 1832), der im Hochofen Gesteine der Hitzeeinwirkung aussetzte.

Weitere bekannte Neptunisten waren die Forscher Johann Wolfgang von Goethe (1749 bis 1832) und Alexander von Humboldt (1769 bis 1859). Auch wenn Humboldt anfangs dem Neptunismus zugeneigt war, änderte er seine Meinung mit der allmählich aufkommenden Strömung des Plutonismus.

Der Basaltstreit vom Scheibenberg

Den Höhepunkt des Aufeinandertreffens vom Neptunismus und Plutonismus bildet der 1787/88 entfachte Basaltstreit. Streitobjekt war der aus Basaltsäulen aufgebaute Scheibenberg in Sachsen. Während die Neptunisten der Überzeugung waren, dass es sich bei Basalt um ein Sedimentgestein mariner Herkunft handelt, argumentierten die Plutonisten, dass Basalt vulkanischen Ursprungs ist. Diese weitergehende Betrachtung, dass die Gesteine aus dem Magma des Erdinneren hervorgehen, widersprach den Vorstellungen der Kirche, gewann dennoch immer mehr an Bedeutung.

Heute wissen wir, dass die Gesteine der Erde nicht nur Sedimentgesteine sind, sondern auch durch Magmatismus und Metamorphose gebildet werden. Dass der Neptunismus und dessen Überlegungen vor über 300 Jahren geprägt wurden und freilich nicht mit den heutigem Wissen vergleichbar sind, verdeutlicht nicht nur der Wissensvorsprung seitdem, sondern auch die technischen Möglichkeiten der Erkundung von Gesteinen und Gebirgen heute.


Siehe auch:
Plutonismus
Johann Wolfgang von Goethe
Kreislauf der Gesteine
Matthias Joseph Anker

Quellen:
- www.bibel-online.net - 1. Mose, Kapitel 1
- www.humboldtgesellschaft.de - Goethe und der Basaltstreit
- http://geostudium.uni-goettingen.de - Goethe im Streit zwischen Vulkanismus, Neptunismus und Plutonismus
- www.univie.ac.at
- http://historyofgeology.blogspot.com - The Granite Controversy: Neptunism vs. Plutonism

Letzte Aktualisierung: 12. Juni 2019

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